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Erfahrungsbericht zu der Glaubensgemeinschaft der Zwölf Stämme PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von anonym   
Donnerstag, 20. März 2014
Zu diesem Erfahrungsbericht gibt es weitere Informationen aus Kinderschutzsicht
Kindeswohlgefährdung bei der Glaubensgemeinschaft der Zwölf Stämme

Ich bin 1993 in die Sekte hinein geboren worden und habe alles miterlebt, was man miterleben kann, was Kindererziehung und Züchtigung in der Sekte angeht. Es ist schwierig mit dem Thema zu beginnen. Die Sekte nimmt die Bibel zur Verteidigung ihrer Kindererziehungsmaßnahmen. Die Kindererziehungsmaßnahmen beginnen bereits, wenn ein Baby geboren wird. So wird es bereits in den ersten Wochen nach der Geburt „restraint“, das heißt, es wird ganz eng in Tücher eingewickelt, die dann mit Sicherheitsnadeln befestigt werden, damit sie nicht aufgehen. Das Baby kann sich dann gar nicht mehr bewegen. Sollte es schreien, so wird es umso länger darin eingewickelt bleiben. Das Ziel ist, den Willen des Kindes möglichst früh zu brechen. Wenn das Kind nicht in Tüchern eingewickelt ist, wird es von den Eltern in ihren Zimmer restraint, das heißt, die Arme und Beine werden festgehalten, so dass das Kind sich nicht bewegen kann. Auch hier gilt wieder das gleiche Prinzip: es wird solange gemacht, bis das Kind keine Kraft mehr hat, sich zu bewegen oder zu schreien.

Wenn das Kind dann ca. ein Jahr alt ist, beginnt die Züchtigung mit der Rute. Das bedeutet, dass das Kind geschlagen wird, wenn es beispielsweise etwas nicht essen will oder schreit, wie es bei kleinen Kindern vorkommt. Das Verhalten wird von den Eltern als Rebellion interpretiert. Die Ruten sind ca. 50-80 cm lange, ca. 0,6 cm dicke Stöcke aus Weidenholz, die extra von einem Korbflechter gekauft werden, um die Kinder zu schlagen. Die Ruten werden in einem Behälter mit Öl gelagert, damit sie möglichst lange frisch bleiben und nicht brechen, wenn die Eltern ihre Kinder damit schlagen. Sie stehen dann den Eltern zur Verfügung, die sich jederzeit neue holen können. Der Vorgang mit dem Schlagen wird „Disziplin“ genannt. Dabei werden die Kinder auf den nackten Hintern, den Rücken, die Beine und die Hände geschlagen.

Kinder bis zu zwölf Jahren werden oft noch übers Knie gelegt und dann werden sie solange verprügelt, bis sie aufhören zu schreien, weil sie keine Kraft mehr haben. Man wird auch übers Knie gelegt, wenn Eltern, Lehrer oder sonst irgendwelche Leute aus der Sekte denken, dass man rebellisch, respektlos ist oder sich über was lustig macht. Manchmal reicht es, nur zu lachen, was dann als spotten interpretiert wird. Wann ist man rebellisch? Die Sekte hat schon reihenweise Teachings (Anweisungen) geschrieben, mit dem Ziel, die Eltern darüber aufzuklären, wann ein Kind rebellisch ist. Demnach gibt es die aktive und passive Rebellion. Die Aktive ist, wenn die Eltern einem Kind etwas sagen und es sagt nein, mach ich nicht, oder eine schlechte Haltung einnimmt. Die passive Rebellion ist, wenn Kinder ab und zu was vergessen, weil das halt manchmal passiert. Das wird dann als Rebellion interpretiert, weil die Kinder sich angeblich absichtlich gegen die Eltern oder die Lehrer stellen und absichtlich die Anweisungen vergessen. Bei den Fällen ist es irrelevant, was die Kinder zu ihrer Verteidigung sagen. Wenn sie sich verteidigen, ist es nur ein Zeichen dafür, dass sie rebellisch sind und es nicht einsehen wollen. In beiden Fällen werden die Kinder dann übers Knie gelegt und verprügelt. Da die jüngeren Kinder im Alter von 2-12 Jahren noch unerfahrener als die älteren Kinder in der Sekte sind und noch öfter ihren eigenen Willen haben, werden sie besonders oft verprügelt und übers Knie gelegt. Dabei werden sie bis zu vier Stunden mit den Ruten verprügelt. Es wird gelehrt, dass die Eltern sich nicht vor den roten und blauen Striemen auf Ihren Kindern wundern sollen, da es normal ist und es genau das ist, was die Kinder brauchen und was Gott von ihnen verlangt. Wenn die Eltern sich Gedanken darum machen oder ihre Kinder nicht hart genug schlagen, sind sie nicht vom heiligen Geist oder von Gott erfüllt.

Kommen Gäste in die Zimmer oder auf den Hof werden die Ruten immer schnell hinter der Heizung oder unter dem Bett versteckt. Obwohl die Sekte auch schon öffentlich zugegeben hat, ihre Kinder zu schlagen, versuchen sie die Fassade von dem glücklichen Zusammenleben mit den Kindern immer perfekt aufrechtzuerhalten. Die Kinder dürfen keinen eigenen Willen haben, niemals widersprechen oder argumentieren und müssen durch die Disziplin immer unter Kontrolle gehalten werden. Es wird außerdem gelehrt, dass Kinder auf das erste Kommando diszipliniert werden müssen. Das heißt, wird dem Kind eine Anweisung gegeben, auch wenn es nur so nebenher ist, und das Kind bekommt das nicht richtig mit, ist es rebellisch oder ungehorsam oder respektlos, weil es die Person angeblich ignoriert hat. Ich selbst wurde sehr oft geschlagen, manchmal sogar über zehnmal am Tag.

Manchmal muss man auch den ganzen Tag oder mehrere Tage im Zimmer sitzen und über seine Sünden nachdenken bis einem klar ist, dass man umkehren will und dass es falsch ist, was man gemacht hat. Ich persönlich habe nur meine sogenannten Sünden zugegeben, um dann endlich wieder aus dem Zimmer zu kommen oder was essen zu dürfen. Während man im Zimmer vor sich hingammelt, darf man nämlich nichts essen, denn rebellische Kinder verdienen nichts zum Essen. Alle Eltern, die meinen, ihre Kinder würden die sogenannten Sünden aus anderen Gründen zugeben oder sie tatsächlich einsehen, täuschen sich gewaltig.

Bei einigen Kindern ist die tägliche gezielte Beeinflussung der Eltern soweit fortgeschritten, dass sie meinen, es ist normal, was die Eltern da machen. Schließlich kennen sie kein Leben außerhalb der Sekte. Es wird gelehrt, dass die ganze Welt und alle Dinge der Welt (außerhalb der Zwölf Stämme) vom Satan beeinflusst sind. So ist z.B. Rock and Roll Musik oder Schokolade vom Satan. Kinder, die so etwas heimlich hören, sind vom Satan erfüllt und haben eine Liebe zur Welt entwickelt, was heißt, dass die Eltern sie nicht genug diszipliniert und gezüchtigt (geschlagen) haben. Diese Kinder werden, sobald so etwas ans Licht kommt, sofort isoliert und dürfen an dem Leben in der Sekte nicht mehr teil haben. Sie dürfen mit keinem anderen Jugendlichen mehr reden, oft nichts essen, sondern nur noch auf ihrem Zimmer sitzen und über ihre Sünden nachdenken. Zur Überprüfung werden sie dann in Meetings gerufen, wo die sechs Sektenführer zusammen sitzen, Tee trinken und Plätzchen essen und dem Kind und seinen Eltern für mehrere Stunden ihre Sünden aufzählen und dem Kind drohen, dass es aus der Sekte muss. Ich habe ein 14-jähriges Mädchen gesehen, das heulend aus so einem Meeting raus kam, und nicht mehr wusste, was mit ihr geschieht. Es tat mir so leid für sie, und ich wünschte mir, die Verantwortlichen würden bestraft für das, was sie uns Kindern antun.

Freitagmorgens wurden immer die Kindererziehungsmethoden gelehrt. Da dürfen alle aus der Sekte hin, außer die Gäste sowie die Kinder und Jugendlichen, die nicht getauft sind. Oftmals kamen meine Eltern aus diesen Belehrungen raus und waren noch viel strenger mit uns als sie es eh schon waren, da wieder gelehrt wurde, dass sie immer noch nicht streng genug sind und ihre Kinder nicht unter Kontrolle haben. Oder es wurden ihnen irgendwelche neuen Erziehungsmethoden gelehrt, die die selbsternannten Ältesten direkt von Gott gehört haben sollen. Und so musste ich mit ansehen, wie meine Eltern immer verrückter wurden. Ich wurde oft von meinen Eltern angebrüllt, geschlagen und sehr oft übers Knie gelegt. Von den Lehrern und anderen Leuten, mit denen ich arbeiten musste, wurde ich ebenfalls geschlagen. Es war auch üblich, die Kinder mit den Ruten auf die Hände zu schlagen. Im Unterricht musste ich die Rückseite meiner Hand hinhalten, diese wurde dann wund geschlagen. Es war eine der größten Demütigungen für mich. Wenn die Kinder weinen oder unruhig stehen, während sie geschlagen werden, werden sie umso mehr geschlagen, da es ein Zeichen dafür ist, dass sie ihre Disziplin nicht empfangen. Einmal beispielsweise hörte ich wie ein Paar ihre fünf-jährige Tochter im Zimmer nebenan vier Stunden schlugen und sie schrie wie am Spieß. Es tat mir im Herzen weh, einfach diese Hilflosigkeit, dies mit anhören zu müssen und nichts machen zu können.

Einmal haben mich meine Eltern mal für zwei Wochen zu einer anderen Frau gegeben, da sie anscheinend mit mir nicht klar kamen. Es war, als ich sieben Jahre alt war. Ich hatte das Problem, nachts manchmal ins Bett zu machen und da passierte es auch wieder. Ich wurde nachts eine ganze Stunde geschlagen, weil ich ins Bett gemacht habe. Danach passierte es jede Nacht die ganzen zwei Wochen lang, woraufhin ich jede Nacht wundgeprügelt wurde. Ich habe heute oft noch Albträume von der Sekte und wenn ich daran denke, was ich da mitgemacht habe, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Ich rege mich innerlich so auf und wünschte mir, so etwas nie erlebt haben zu müssen.

Die Kinder werden nach dem Prinzip erzogen, dass sie nichts wert sind und absolut keinen eigenen Willen haben dürfen. Die meisten Kinder ab zwölf Jahren sind so verhärtet in sich selbst, dass es sie nicht mehr juckt, wenn sie geschlagen werden, das ist einfach so. Ich spreche aus Erfahrung, denn so war es bei mir auch. Wenn meine Eltern mich dann schlagen wollten, fing ich an, sie anzubrüllen oder die Tür zuzuschlagen. Es tat mir weh, es ist nicht so, als ob ich es machen wollte, aber ich sah einfach keinen anderen Ausweg, mich gegen sie zu wehren.

Es wird den Jugendlichen ein Leben lang eingeredet, wenn sie weg gehen, kommen sie in die Hölle, und zwar in den zweiten Tod, wo sie ewige Qualen erleiden müssen und in Feuer und Schwefel brennen, da sie die Wahrheit wissen und sie mit Füßen getreten haben. Das belegen sie dann noch mit diversen Bibelversen. Mir stellt sich die Frage, wer sie zum Richter über die Menschen ernannt hat. Wenn ihr Gott so gut ist, wie sie es den Leuten außerhalb erzählen, dann würde der doch sicherlich keinen verdammen, nur weil er bei der Heuchelei der Sekte nicht mitmachen will. Als ich meine Mutter darauf ansprach, gab sie unmissverständlich zu, dass sie mir zustimme, dass es in der Sekte einen Haufen Heuchelei gibt und die Menschen absolut nicht das leben, was sie sagen. Aber sie sagte auch, sie müsse schauen wie Gott Errettung in ihr Leben bringt. Durch die ganze Geschichte mit der Kinderzüchtigung, die ich immer verabscheut habe, baute ich in mir selbst eine Mauer auf. Umso mehr sie auf mich einredeten, umso mehr wurde mir klar, wie die Sektenführer die Gedanken aller Leute in der Sekte manipulieren. Die Sekte versucht, eine perfekte Fassade nach außen hin vorzuspielen, was auch ziemlich gut funktioniert, so meinen sie jedenfalls. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass der Sektenführer von der Gemeinschaft in Klosterzimmern sich beispielsweise für 40 tausend Euro ein neues Auto kaufte, dass nur er fahren durfte, während andere Kinder nicht einmal vernünftige Schuhe oder Kleider zum Anziehen hatten. Wo bleibt da die Realität der Aussage, sie teilen alles und keiner hat persönliche Besitztümer? Wie blind muss man sein, um nicht zu realisieren, dass alles nicht wahr ist, was einem da erzählt wird. Wie können Eltern ihre Kinder so behandeln und dann auch noch gestatten, dass manchmal sogar wildfremde Leute in der Sekte ihre Kinder so behandeln?

Wenn ein Kind geboren wird und 80 Tage alt ist, wird es geweiht. Das bedeutet, dem Kind wird ein Name gegeben (ein jüdischer Name). Mit diesem Namen wird das Kind dem Laib d.h. den Leuten in der Sekte anvertraut. Gleichzeitig leisten die Eltern einen Schwur, alles was die Leute der Sekte über ihr Kind sagen, so zu empfangen als ob es von Gott gesagt worden sei. Demnach dürfen die Eltern nicht mitreden, wenn ein Lehrer beispielsweise ihr Kind für Ungehorsam in der Schule schlägt, da sonst der Schwur, den sie bei der Weihung des Kindes geleistet haben, hinfällig wird, und sie dann nicht mehr mit Jesus und dem heiligen Geist verbunden sind. Außerdem werden die Söhne am achten Tag nach der Geburt beschnitten. Dies erfolgt ohne ausreichende Desinfektion. Jeder Vater macht es bei seinen Söhnen d.h. es sind alles unerfahrene Leute, kein Arzt ist dabei. Es sind Kinder fast verblutet dabei, ganz zu schweigen von anderen Schäden, die bleiben können.

Einige Kindererziehungslehren sind im Internet, aber nur die, von denen sie meinen, dass sie in der Öffentlichkeit vertretbar sind. Jeder Pädagoge würde sich die Haare raufen, wenn er von diesen Methoden hört. Ich trage in mir so einen großen Hass auf alles, was ich dort durchmachen musste. Wie können unser Staat und die Politik einfach die Augen davor verschließen. Wenn ich das heute jemandem erzähle, meint der, so was gibt es doch heute gar nicht mehr in unserer Gesellschaft. Und doch gibt es das mitten unter uns. Mein größter Wunsch ist, dass niemals mehr einer das durchmachen muss, was ich durchgemacht habe und dass die Menschen in der Sekte aufwachen und sich dagegen auflehnen. Ich verstehe nicht, dass so was noch toleriert wird in unserer Zeit heute.
 
Wenn man nicht getauft ist, darf man keine richtigen gleichaltrigen Freunde haben. Schließlich kann die Gefahr bestehen, dass die nicht getauften Jugendlichen über Dinge reden, wie es außerhalb der Sekte wäre und somit auch schlechten Einfluss auf die anderen haben. Zwei Jugendliche, zwei Schwestern, durften ein ganzes Jahr lang kein Wort miteinander reden. Dabei sind sie sich jeden Tag über den Weg gelaufen, sie haben sogar in derselben Küche gearbeitet. Die Kinder und Jugendlichen in der Sekte haben keine freie Minute, in der sie machen dürfen, was sie wollen. Sie werden immer von irgendeinem beaufsichtigt. Es darf kein Kontakt zu Jugendlichen außerhalb der Sekte bestehen. Es wird gelehrt, dass die Kinder, bis sie 20 Jahre alt sind, ganz unter dem Einfluss der Erwachsenen stehen sollen, denn, wenn Jugendliche unter sich sind, kommt nur Schlechtes dabei raus.

Man darf nicht selbst bestimmen, was man essen möchte und auch wenn Oma oder Opa Sachen mitbringen oder in die Sekte schicken, wandern sie direkt in den Müll. Oder was ich auch schon mitbekommen habe, die Großeltern bringen Schokolade mit, die Eltern beschlagnahmen sie und sagen, wir heben sie für die Gäste auf und tun sie in den Gästeschrank in der Küche, aus dem die Sektenführer sie dann herausholen und sie essen. Die Kinder kommen so gut wie nie aus der Sekte raus und werden auch ziemlich ungesund ernährt. Zu meiner Zeit hatte ich jedes Mal eine Handvoll Haare in der Hand, wenn ich mir einmal durch die Haare kämmte. Hier draußen hab ich das nie mehr gehabt, was meiner Meinung nach von der besseren Ernährung kommt. Einmal kamen meine Großeltern und ich äußerte den Wunsch, dass ich gerne mit ihnen mitgehen würde. Zufällig kriegte mein Vater es mit, danach war die Hölle los, ich wurde übers Knie gelegt und verprügelt. Es wird behauptet, alle Kinder und Jugendlichen sind da, weil sie da sein wollen. Aber ich wollte niemals dort sein, ich habe es verabscheut, wenn meine Eltern beispielsweise weg waren und uns Kinder anderen Leuten in der Sekte zur Beaufsichtigung übergaben. Meine Brüder und meine Schwester wurden immer von anderen Leuten beaufsichtigt. Wenn ich sie dann tagsüber getroffen habe und sie mir erzählten, wie sie geschlagen und wie schlecht sie behandelt werden, musste ich nachts oft heulen. Ich kann nicht verstehen, wie meine Eltern uns solchen Menschen anvertrauen könnten.
 
Ich habe die Schulfremdenprüfung für meinen Hauptschulabschluss gemacht. Sozialkunde und Wirtschaftskunde musste ich mir von Grund auf selbst aneignen. Dazu hatte ich keine Vorkenntnisse aus der Sekte. Ein paar Grundbegriffe z.B. Bundestag, Abgeordneter oder Minister waren mir bekannt, aber was für Aufgaben sie haben nicht. Heute habe ich in diesem Bereich immer noch Defizite. Die Sekte unterrichtet mit der Vorstellung, die ganze Welt sei von Satan und was von Satan ist, brauchen unsere Kinder auch nicht zu wissen. Als der Schulstreit aufkam, fingen sie an, den Kindern ein paar einfache Sachen beizubringen, wie eine Demokratie aufgebaut ist usw., damit sie vor den Beamten, die kamen, um den Unterricht zu prüfen, besser dastehen. Allerdings wurden diese Dinge nur kurz angesprochen, drei Tage lang eine Stunde und danach nie wieder. Als Folge haben die Kinder und Jugendlichen zu den einfachsten Fragen über die Regierung und Deutschland und die Politik absolut kein Wissen. Das Ziel und Motto der Sekte ist, die Kinder und Jugendliche möglichst nur auf ein Leben in der Sekte vorzubereiten. Denn je mehr sie wissen, desto größer die Gefahr, dass sie in der Welt draußen alleine zurecht kommen könnten. Deshalb wollte die Sekte auch nie anerkannte Schulabschlüsse für die Kinder haben. Jedoch mussten sie sich ein wenig an die Behörden anpassen, um die Schule aufrechterhalten zu können. Als ich da war, gab es noch keine Schulabschlüsse. Wenn man die Sekte verlässt, bekommt man absolut keine finanzielle Unterstützung. Die Sektenführer leben nach dem Motto, entweder ihr ordnet euch unter oder ihr könnt auf der Straße leben oder sterben. Wenn man den Wunsch äußert, gehen zu wollen, sagen sie: ja wir können euch gerne am nächsten Obdachlosenplatz absetzen.

Ich habe mich anfangs sehr schwer hier draußen getan. Ich habe mich aufgrund meiner Erziehung sehr zurückhaltend verhalten, was ich auch heute noch tue. Dadurch fällt es mir sehr schwer, Kontakte zu anderen Menschen aufzubauen. Und auch heute muss ich noch lernen, wie man sich hier verhält. Da ich erst im Juni mit meinem Hauptschulabschluss fertig war und eine Ausbildung anfangen musste, blieb mir nichts anderes übrig, als die Ausbildung zum Landwirt. Im Rückblick sehe ich jetzt, dass weiter zur Schule gehen die vernünftigste Lösung gewesen wäre. Ich kam im ersten Lehrjahr nur sehr schwer in der Schule zurecht, auch mit den anderen Jugendlichen. Im zweiten Lehrjahr fing ich in einem Lehrbetrieb an. Der Betriebsleiter wurde schnell laut, da er auch oft im Stress war, was bei mir gleich diese Abwehrreaktion auslöste, dass ich glaubte, die sind gegen mich. Ich kam damit absolut nicht klar und war nicht im Stande, im Betrieb zu arbeiten. Also wechselte ich in einen anderen Betrieb, wo es dann besser lief. Am Wochenende war ich dann allein, was mir am besten gefiel, da ich sowieso alles um mich herum nur noch vergessen wollte. Der Kontakt zu anderen Jugendlichen blieb dadurch aber völlig aus. Auch heute hab ich nur mit wenigen aus meiner Ausbildung ab und zu Kontakt.

Heute bin ich oft depressiv und habe auch oft Selbstmordgedanken. Ich habe Albträume, kann nachts kaum schlafen. Je länger ich von der Sekte weg bin, umso mehr merke ich, wie falsch da alles läuft und wie tief die Wunden sitzen, die mir da zugefügt wurden. Wenn ich nur daran denke, dass meine  Geschwister noch da sind, zu denen ich seit Jahren keinen Kontakt mehr haben durfte, sonst könnte ich sie weltlich beeinflussen, komm ich mir wie in einem Horrorfilm vor. Ich hoffe, dass die Dinge eines Tages für mich besser laufen werden und dass meine Geschwister den Schritt aus der Sekte schaffen. Eigentlich gehört so was wie die Sekte in Klosterzimmern weltweit verboten. Allerdings wird es sicher nicht so schnell dazu kommen. Aber ich hoffe, ich kann meinen Teil dazu beitragen, die Menschen aufzuklären, was wirklich da vor sich geht. Nach allem, was ich in der Sekte durchgemacht habe und hier draußen, zweifle ich oft daran, was für ein Sinn das Leben eigentlich hat, aber eins steht für mich fest, zur Sekte geh ich niemals wieder zurück, eher sterbe ich hier.
 
 
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